Im März sind die Einkommen in Ungarn erneut deutlich gestiegen, auch wenn sich das Wachstum im Vergleich zum Februar leicht verlangsamt hat. Die von der Nachrichtenagentur MTI befragten Analysten rechnen bis zum Jahresende mit ähnlich starken oder möglicherweise etwas geringeren Lohnerhöhungen.
Nach dem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des Ungarischen Zentralamts für Statistik (KSH) betrug der durchschnittliche Bruttolohn der Vollzeitbeschäftigten im März 779.800 Forint, der durchschnittliche Nettolohn lag bei 546.000 Forint. Der durchschnittliche Bruttolohn lag damit um 9,2 Prozent, der Nettolohn um 11,3 Prozent und der Reallohn um 9,3 Prozent über dem Vorjahreswert.
Péter Virovácz, Chefvolkswirt der ING Bank, betonte in seinem Kommentar:
Aufgrund der weiterhin sehr niedrigen Inflation und der dynamischen Lohnentwicklung lag das Wachstum der Reallöhne im Vergleich zum Vorjahreszeitraum weiterhin bei über 9 Prozent. Das verfügbare Einkommen der Bevölkerung wächst somit erheblich, was sich bereits in den Einzelhandelsdaten bemerkbar macht und sich vermutlich auch in den BIP-Daten des ersten Quartals widerspiegeln wird.
Der Experte erklärte, dass die neuen März-Daten das Gesamtbild nicht verändert hätten, weshalb er für das Gesamtjahr weiterhin mit einem durchschnittlichen Lohnwachstum von etwa 9–10 Prozent rechnet. Gleichzeitig halte er es jedoch für eine wichtige Frage, wie die Unternehmen angesichts des durch den Nahostkrieg verursachten Kostenschocks, der anhaltend steigenden Arbeitskosten und des voraussichtlich schwächeren Wirtschaftswachstums reagieren werden.
Nach den Wahlen ist der Geschäftsklimaindex deutlich gestiegen, was vorübergehend einen Schutz gegen Entlassungen bieten könnte, da Unternehmen zunächst abwarten und auf die wirtschaftsbelebende Wirkung der neuen Wirtschaftspolitik hoffen könnten. Die externen Risiken nehmen jedoch zu, da die Gefahr wächst, dass bei Energieträgern und bestimmten Rohstoffen tatsächliche physische Engpässe auftreten. Daher steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen auf diesen Schock mit einem stärkeren Personalabbau reagieren werden, erklärte Péter Virovácz.
Gábor Regős, leitender Volkswirt bei Gránit Alapkezelő, hob hervor, dass die Löhne weiterhin im öffentlichen Sektor schneller gestiegen seien – dort um 11,8 Prozent gegenüber 8,4 Prozent in der Privatwirtschaft. Bis zum Jahresende erwartet auch er ähnliche oder leicht geringere Lohnerhöhungen.
Als Risiko nannte er, dass der starke Forint die in Euro berechneten Lohnkosten multinationaler Unternehmen erhöht, weshalb diese bei Gehaltserhöhungen oder Bonuszahlungen vermutlich zurückhaltender sein werden. Gleichzeitig erleichtern sinkende Importkosten kleinen und mittleren Unternehmen die Finanzierung von Lohnerhöhungen.
Besonders stark vom Wechselkurs abhängig dürfte vermutlich die ohnehin angeschlagene verarbeitende Industrie sein. Dort fiel der durchschnittliche Lohnanstieg im März mit lediglich 5,9 Prozent vergleichsweise schwach aus. Fraglich sei allerdings, ob der aktuelle Wechselkurs auch in den kommenden Monaten bestehen bleiben könne, fügte er hinzu.
Auch die durch den Iran-Krieg verursachte Energiekrise sowie deren Auswirkungen auf die Wirtschaft betrachtet er als Risiko. Diese könnten die Wettbewerbsfähigkeit Europas und damit auch Ungarns schwächen und die externe Nachfrage dämpfen, was sich letztlich ebenfalls auf die Löhne auswirken könnte. Positiv könnten sich hingegen die von der neuen Regierung angekündigten Lohnerhöhungen auswirken.
Dániel Molnár, leitender Analyst des Wirtschaftsanalysezentrums GFÜ, erklärte, dass die Lohnprozesse zu Jahresbeginn das gesamte Jahr über Wirkung zeigen könnten. Unter Berücksichtigung der sogenannten „Waffengeld“-Zahlungen könnte der durchschnittliche Lohnanstieg im Jahresdurchschnitt sogar zweistellig ausfallen. Inflationsbereinigt würde dies eine Reallohnsteigerung von über 6 Prozent bedeuten.
Innerhalb des Jahres werde der Anstieg jedoch nicht gleichmäßig verlaufen: Auf die erheblichen Reallohnsteigerungen in den ersten Monaten könnte gegen Jahresende wegen der voraussichtlich steigenden Inflation ein langsameres Wachstum folgen. Dessen Auswirkungen auf den Konsum dürften angesichts der verbesserten Konjunkturstimmung jedoch begrenzt bleiben.
Als Schlüsselfrage bezeichnete der Experte zudem, ob das ausgewogene Lohnwachstum zwischen den einzelnen Branchen bestehen bleiben könne, obwohl die wirtschaftliche Lage die verschiedenen Sektoren unterschiedlich stark trifft. Ebenso wichtig sei, dass die niedrigeren Einkommen weiterhin überdurchschnittlich steigen, sodass sich die Lohnschere in der Wirtschaft verkleinert.
In diesem Zusammenhang werden laut Molnár die Höhe der Erhöhung des Mindestlohns und des garantierten Mindestlohns im kommenden Jahr, das wirtschaftliche Umfeld sowie die Belastbarkeit des KMU-Sektors – der zwei Drittel der Beschäftigten im privaten Sektor beschäftigt – entscheidende Faktoren sein.